Auch ich war einmal zum ersten Mal in einem dieser furchteinflössenden Coffee Shops. In Deutschland gab es erst ein paar Trittbrettfahrer, aber noch nicht das große, grüne Kaffeemonster. Ich war in den USA, dem Mutterland, wo anscheinend schon 3-jährige ihren To Go Decaf Venti Vanilla Non-fat No-foam Caffé Latte perfekt bestellen können. Ich stand an der Kasse und kam mir vor wie der Dorftrottel. Der sehr nette Barista lachte mich nicht aus, stand mir beratend zur Seite und ich konnte den Laden strahlend mit einem Vanilla Latte verlassen.
Es ist also völlig okay, sich nicht mit der Karte in einem Coffee Shop auszukennen. Da stehen wahnsinnig viele Getränke, von denen man noch nie etwas gehört hat, und selbst die Größen hören sich komisch an. Und nur mal so nebenbei: Wir wissen alle, dass tall groß heisst. Wirklich, wir wissen das. Wir haben den Witz schon ganz oft gehört. Sich darüber aufzuregen ist auch zwecklos, denn die Größen haben eben diese Namen. Wir haben uns das nicht ausgedacht. Wenn ein Gast groß sagt, denken wir groß, nicht tall, denn das ist klein. Leute, die dann anfangen, darüber zu diskutieren, sind meistens arrogante Wichtigtuer, die höchstwahrscheinlich auch noch Sojamilch bestellen. Aber ich schweife ab, und zu Sojamilch muss ich sowieso einen gesonderten Eintrag schreiben.
Zurück zum Thema: Fragen stellen ist absolut in Ordnung. Dafür sind wir da. Wir sind auch nicht genervt, wenn jemand den Unterschied zwischen Caffé Latte und Cappuccino nicht kennt. Den kannten die meisten von uns auch nicht, bevor wir die Schürze anlegten. Ich persönlich gebe meistens sogar noch ein Upgrade dazu, wenn jemand zum ersten Mal bei uns ist und sich nicht auskennt.
Absolut nicht in Ordnung sind Leute, die erwarten, dass wir ihre Getränke durch Telepathie erraten. Leute, die es nicht einmal schaffen, ihr Handy vom Ohr zu nehmen, während wir ihre Bestellung aufnehmen. Das ist unhöflich und respektlos. Trotzdem passiert es mehrfach am Tag. Wenn wir dann auch noch wagen, nach einer Größe für das uns per Zeichensprache mitgeteilte Getränk zu fragen, kommt meistens ein Augenrollen und eine Information für die Person am anderen Ende der Leitung. “Moment, ich muss hier mal schnell bestellen.” Du musst gar nichts, höchstens nochmal einen Benimmkurs besuchen. Du bist nicht wirklich so wichtig, dass du es nicht einmal schaffst, für 10 Sekunden das Handy vom Ohr zu nehmen, oder? Selbst Diane Kruger und Tom Hanks schaffen es, ohne Handy und mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht zu bestellen. Ich spreche da aus Erfahrung.
Am Ende der Bestellung kommt die ganz schlimme Frage: “Vielleicht noch einen Muffin dazu? Oder wie wär’s mit einem extra Espresso?” Auch das mit der Fragerei haben wir uns nicht ausgedacht. Wir finden es auch blöd, diese Frage mehrere hundert Mal am Tag stellen zu müssen. Es reicht ein freundliches, “Nein, danke.” Man muss nicht ausfallend werden und darüber zetern, wie nervig und anstrengend das doch alles ist. Der Barista hält dich dann nur für einen Vollidioten, wird es allen Kollegen erzählen, und die werden dich auch alle für einen Vollidioten halten. Wenn du Stammgast bist heisst das im Klartext: Alle hassen dich und du bekommst nie wieder Freigetränke. Und wenn du morgens mal so gar nicht wach wirst, obwohl du doch schon einen Kaffee getrunken hast, hat da vielleicht jemand ganz aus Versehen entkoffeinierte Bohnen benutzt.
Gäste, die zum ersten Mal da sind und Fragen stellen, sind sehr charmant. Freundliche Gäste, denen man anmerkt, dass sie regelmäßig genau dieses Getränk bestellen, machen dem Barista das Leben leichter. Absolut unnötig sind die Gäste, die meinen, mit ihrem Coffee Shop-Wissen angeben zu müssen. Meistens haben diese Gäste einen aufgesetzten, amerikanischen Akzent und teilen dem Barista ungefragt mit, dass sie gerade furchtbar lange in den Staaten waren und da IMMER ihren Mochaccino getrunken haben. Das ist toll, aber leider gibt es beim großen, grünen Kaffeemonster keinen Mochaccino. Da gibt es nur Chocolate Mocha. Schon doof. Damit wären wir mal wieder beim Thema Vollidiot.
Wir zwingen niemanden, zu uns in den Laden zu kommen. Wer unsere Größen albern, die Namen unserer Getränke zu kompliziert und und unsere Preise zu hoch findet, muss seinen Kaffee nicht bei uns trinken. Die meisten meiner Kollegen sind furchtbar nette Menschen, die sehr nett zu unseren Gästen sind. Warum halten es so viele Leute für nötig, uns in der einen Minute, die es dauert, eine Bestellung aufzugeben, wie Abschaum zu behandeln?